Eigene Schattenseiten erkennen

Leserbrief  von Marion Triesch Eigene Schattenseiten sollten wir erkennen (veröffentlicht am Fr, 06. Februar 2015 auf badische-zeitung.de) zum Leitartikel Der Islam und der Fanatismus – Herausforderung und Aufgabe von Annemarie Rösch, erschienen in der Badischen Zeitung vom 14.01.2015

In verschiedenen Heiligen Schriften findet sich – vereinfacht gesehen – die Aufforderung zur Gewalt/zum Kampf für die Wahrheit gegen das Böse. In den vedischen Schriften wird beispielsweise die Mahabharata-Schlacht beschrieben: hier führt Krishna Arjuna in den Krieg zwischen den Pandavas und Kauravas, und auch die Bibel, auch das Neue Testament, liest sich nicht nur wie ein „Kuschelroman“.

In wie vielen Kinderzimmern werden Märchen erzählt, die oftmals damit enden, dass die böse Stiefmutter/Hexe oder der böse König vertrieben, verbrannt oder sonst wie – nicht gerade diplomatisch – vernichtet werden. Auch auf den Bildschirmen tobt allabendlich der Kampf zwischen den Guten und den Bösen. Die Welt ist heute komplizierter geworden. Die Trennung zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß, ist heute nicht mehr so eindeutig.

Aus der Märchendeutung kennen wir den Ansatz, dass die böse Stiefmutter, der böse König, oder der Dieb Anteile unserer Persönlichkeit symbolisieren, die es zu erkennen und dann zu transformieren gilt. Ein jeder kennt auch aus seinem Alltag den Kampf gegen den „Inneren Schweinehund“.

Warum nicht auch die Heiligen Schriften – auch den Koran – so interpretieren, anstatt Textstellen, die Gläubige zum Kampf gegen die „Bösen“ auffordern, in den geschichtlichen Kontext einzuordnen? Sondern die Kraft der Bilder nehmen und die Aufforderung darin spüren-, die eigenen Schattenseiten zu erkennen und mit aller Kraft zu bekämpfen. Wir alle könnten dann aufhören mit der Projektion unserer Schattenseiten auf das Außen, auf unser Gegenüber und als „böse“ einzuordnen – ob Pegida-anhänger oder Islamist.


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