woFÜR sind wir eigentlich?

Brief an Leon Dobbratz zur gelanten „Demo gegen Intoleranz“

Sehr geehrter Herr Dobbratz,

ich fühle mich eingeladen, Ihnen zu schreiben. Am Mittwoch dem 14.  Januar kam im Freiburger Wochenbericht ein Interview mit Ihnen, mit der  Überschrift “Zeit, – Farbe zu bekennen”.

Da das Stichwort “gegen Pegida demonstrieren” die Unter-Überschrift  darstellte, war ich hochgespannt, ob Sie in ihrem Interview selbst doch  noch die Brücke zur Hauptüberschrift schlagen würden, indem Sie  erläutern würden, woFÜR ganz genau Sie Farbe bekennen wollen.

GEGEN kann man ja grundsätzlich gegen vieles sein: gegen  Ausländerfeindlichkeit, gegen Intoleranz usw. Damit ist aber noch wenig  gesagt, woFÜR man im Grunde ist.
Wie würde sich z.B. lesen:

Ich bin FÜR Ausländerliebe, statt “GEGEN Ausländerfeindlichkeit”
FÜR Toleranz (wem gegenüber), statt GEGEN Intoleranz usw.

Stand in der Mitwochsausgabe der Parallelartikel “Freiburg solidarisiert  sich mit “Charlie Hebdo” noch direkt als getrennter Artikel ÜBER ihrem  Interview-Artikel, so ist das “Je suis Charlie”-Foto von der Leo-Wohlleb-Brücke am heutigen  Samstag hingegen (diesmal im Amtsblatt) – BEREITS in den Demo-Aufruf  integriert.

Das irritierte mich DEUTLICH.

Sollte Sie da jemand gegen ihr Wissen für eigene Zwecke  instrumentalisiert haben? Fragte ich mich in meiner ersten Verwirrung  (da Sie in dem am Mittwoch erschienenen Interview ja mit keinem Wort  darauf hindeuteten, ihre ANTI-Pegida Demonstration inhaltlich mit einer
“PRO Charlie hebdo” Demonstration vermengen zu wollen).

Zufällig wurde mir aber meine Frage beantwortet, indem ich im Amtsblatt  auf Seite 2 umblätterte. Enttäuscht musste ich feststellen, dass diese  inhaltliche Vermengung von unterschiedlich anmutenden Anliegen sehr wohl  gewollt und geplant ist. Auch die GRÜNEN werden Teil der von Ihnen  initiierten Demonstration sein und stellen in ihrer Ankündigung deutlich  klar, dass Sie innherhalb dieser Demo mit dem Slogan “Je suis Charlie”
identifizieren.

Nun wurde mir restlos klar, dass ich an ihrer Demonstration aus  Gewissensgründen leider nicht teilnehmen kann.

Farbe bekannt werden soll sich zum “Recht auf freie Meinungsäusserung  PER SE” –
ein Recht, dass scheinbar für manche auch dann noch gerechtfertigt ist,  wenn diese freie Meinungsäusserung Millionen von gläubigen Muslimen  (wohlgemerkt NICHT fundamentalisten) verletzt, weil sie über Monate und  Jahre hinweg durch diese immer wieder verlegten Satiren ihren geliebten  Propheten Mohammed lächerlich gemacht und in den Schlamm gezogen sehen.

Solch ein Recht auf die Freiheit, andere zu verletzen – und sei es “nur”  durch Bilder und Worte – ist ein unsinniges, ja ein äußerst  UNFEINFÜHLIGES Recht.

Freiheit sollte immer mit der Verantwortung und der Inklusion  friedensstiftender humaner Auswirkungen einhergehen. Wenn ich also  meinen individuellen Anspruch auf Freiheit erhebe, muss ich mich als  mündiger und reifer Mensch immer fragen: Freiheit WOZU? Was ist  letztlich das Zielführende an dieser Freiheit???

Daher ist bei uns auch im Grundgesetz verankert: Die WÜRDE des Menschen  ist unantastbar. Warum spucken dann die, die den Propheten Mohammed in  ihren Karikaturen verunglimpfen, dadurch auf den Gefühlen seiner  Anhänger und somit auf deren Würde herum? Man könnte auch fragen: halten  Sie dies mit den in unserem Grundgesetz verankerten Grundwerten  vereinbar???

Ich halte es NICHT für in Ordnung, dass Menschen durch psychisch labile  Terroristen getötet wurden. Darum geht es überhaupt nicht.  Dennoch sagte “selbst” Papst Franziskus, zum Thema befragt: wenn jemand  andauernd meine eigene Mutter beleidigen würde, dann würde ich ihm schon  auch die Faust hinhalten. Und dies aus dem Mund eines im Grunde genommen  friedfertigen Kirchenoberhauptes !!! Man stelle sich vor!

Ich HOFFE, dass wir aktuell gesellschaftspolitisch an einem

Wendepunkt für 
Bewusstseinswachstum stehen.

Potentiell ermöglicht durch die Anschläge in Paris.

Ich setze meine Hoffnung darauf, dass immer mehr Menschen einsehen, dass  das ewige ping-pong-Spiel zwischen: ich bin GEGEN “dies” gefolgt von der  Gegenseite der Münze: und ICH!!! bin GEGEN “das” (bzw. und WIR sind  gegen das Aufgeben von Pressefreiheit um JEDEN_PREIS – ha, ha, ha, –  und: einschüchtern lassen wir uns schon gar nicht) irgendwann in der Erkenntnis mündet:

woFÜR sind wir eigentlich alle gemeinsam auf dieser Erde, bzw. wohin  wollen wir, im Sinne von Gesamtwohlergehen.

Dazu gehört freilich auch, dass, wenn wir das “Fremde” angeblich oder  wirklich tolerieren, wir somit auch Mohammed tolerieren sollten. Wir sollten ihm Respekt entgegenbringen, weil unsere Brüder, die Muslime  (und damit sind nicht die Fundamentalisten gemeint) ihn LIEBEN, VEREHREN  und ihre SPIRITUELLE Kraft aus der Bezogenheit auf ihn hin schöpfen.

Das wäre WIRKLICHE BRÜDERLICHKEIT:
wenn wir gleichziehen würden mit den zahlreichen Imanen, die sich als
Reaktion auf die Anschläge momentan europa- und weltweit sich mit
unseren westlichen Werten solidarisieren, indem sie in ihren
Gebetsversammlungen öffentlich klar stellen, dass sie ihren Islam NICHT
durch die Anschläge vertreten sehen, indem wir
ebensolche Solidaritätskundgebungen abhalten würden, dass wir uns NICHT
mit Charlie identifizieren.

WIRKLICHE FREIHEIT
kann nur eine spirituelle Freiheit sein, d.h. eine Freiheit, die nicht
auf Biegen und Brechen und schon gar nicht GEGEN etwas sein müsste
(diese Freiheit nehmen sich nämlich ebenso randalierende Pubertierende
raus – die sich in der Freiheit wähnen, die Welt gehöre ihnen allein und
somit dürften sie GEGEN alles sein).
WIRKLICHE sinnvolle Freiheit wäre eine Freiheit, die Grenzen respektiert
und Gemeinwohl fördert.

Und darin wäre auch die WIRKLICHE GLEICHHEIT enthalten:
jeder Mensch hat gleiche Anrechte, in dem, was ihm wertvoll ist,
respektiert zu werden. Das wäre ein wirkliches Miteinander auf
Augenhöhe, das ohne Abwertungen anderer auskommt (nichts anderes ist
Satire dieser!!! Art).

Mit freundlichen Grüßen

Almuth Gäbler, Freiburg i. Brsg.


Save pagePDF pageEmail pagePrint page